„Ich habe mich schon immer für Kraftwerke begeistert“

Michael Freudenmann

Michael Freudenmann leitet das Gas-Dampfturbinen-Heizkraftwerk in Sindelfingen. Er sorgt mit seinem Team dafür, dem Produktionsbetrieb der Daimler AG Wärme und Strom zu liefern. Rund um die Uhr. Das firmeneigene Kraftwerk ist Vorreiter in Sachen Umweltschutz – auch dank des Einbaus der neuen Gasturbine im Jahr 2013. Das durften auch schon unsere Genius-Kinderreporter Emma und Nick vor Ort mit dem Verfahrensingenieur erkunden. Im Interview berichtet Michael Freudenmann, wie er seinen Traumberuf gefunden hat, wie sein Berufsalltag aussieht und verrät seine Zukunftsvisionen.

Genius: Sie arbeiten als Verfahrensingenieur bei der Daimler AG. Was haben Sie für eine Ausbildung?

Michael Freudenmann: Ich habe mich schon früh für Technik begeistert. Wasserkraftwerke haben mich besonders fasziniert. Deshalb hatte ich den Wunsch, Bauingenieur zu werden. Damals waren die Berufsaussichten dafür aber nicht sehr gut. Also habe ich Verfahrenstechnik an der Universität in Stuttgart studiert. Das Studium ging zehn Semester und war dem Bauingenieurwesen sehr ähnlich. Ich wusste, dass es das Richtige für mich ist.

Genius: Wie sieht bei Ihnen ein normaler Arbeitstag aus? Was genau ist Ihr Job?

Michael Freudenmann: Ich leite das Heizkraftwerk und da gibt es natürlich einige Aufgaben, die jeden Tag zu machen sind: das Personal organisieren, die Technik prüfen und instandhalten. Außerdem kümmere ich mich um die Chemie des Wassers. Das Wasser verdampfen wir für die Energieerzeugung in einem Kessel und dafür muss es sehr sauber sein. Der Sauerstoffgehalt, die Leitfähigkeit und der Kieselsäuregehalt sollten niedrig sein. Wenn wir feststellen, dass die Werte abweichen, können wir selbst direkt mit der Wasseraufbereitungsanlage Einfluss nehmen. Aber es fallen auch ungeplante Dinge an. Dafür haben wir jeden Morgen um acht Uhr eine Besprechung und fragen uns, was heute wichtig ist für unsere Abteilung und die Produktion. Dabei geht es vor allem um Störungen, die angefallen sind. Darum kümmere ich mich. Ein besonderes Projekt, das ich anleite, ist beispielsweise die Wartung der großen Gasturbine. Das ist auch nichts Alltägliches. Wir stellen sie 48 Stunden ab. Dann zeigt sich, ob meine Planung gut war: alle Arbeiter, Werkzeuge und Ersatzteile müssen einsatzbereit sein.

Verfahrensingenieur
Im Kontrollraum hat Michael die Strom- und Wärmeerzeugung immer im Blick

Genius: Welche Rolle spielt das Kraftwerk für den Standort Sindelfingen?

Michael Freudenmann: Wir liefern für den Standort 100 Prozent der benötigten Wärme und beim Strom sind wir momentan mit ungefähr 70 Prozent vom Werkverbrauch dabei. Die Wärme brauchen wir das ganze Jahr über. Vor allem in der Produktion – zum Trocknen vom Lack oder zum Beheizen von Tauchbädern. Es wird ja heute sehr viel geklebt und der Kleber muss bei höheren Temperaturen getrocknet werden. Aber auch für die Beheizung der Hallen selbst nutzen wir über die Hälfte der Wärme. Dabei ist die Eigenerzeugung überlebenswichtig für das Werk, weil es keinen Versorger gibt, der uns diese riesigen Mengen liefern könnte. Es ist sogar umgekehrt: Wir versorgen zusätzlich in Teilen die Stadt mit Fernwärme und Energie.

Genius: Welchen Beitrag leistet das Daimler Kraftwerk in Sindelfingen zum Umweltschutz?

Michael Freudenmann: Wenn man getrennt in einem Großkraftwerk Strom produzieren würde und hier nur ein Heizwerk hätte, würde das im Jahr 50.000 Tonnen Kohlenstoffdioxid ausmachen. Wir machen hier aber Strom und Wärme parallel. Durch diese Kopplung von Kraft und Wärme sparen wir ungefähr 25 Prozent Energie ein. Und das machen wir schon seit 1960 hier in unserem Kraftwerk, an unserem Standort. Durch die Gasturbine haben wir das deutlich verbessert. Jetzt sparen wir nochmal das Gleiche ein, weil wir eben wesentlich mehr Strom erzeugen.

Genius: Welche Ziele verfolgen Sie in Sachen Nachhaltigkeit für die Zukunft?

Michael Freudenmann: In Punkto Nachhaltigkeit sind wir noch nicht am Limit. Für die nächsten Jahre planen wir eine zweite Gasturbine. Damit werden wir die umweltfreundliche Stromerzeugung nochmal erhöhen. Und morgen, ganz in der Zukunft, wird man wahrscheinlich umsteigen. Entweder auf Biogas oder auf das Gas von Power-to-Gas. Dabei stellt man unter Einsatz von Ökostrom ein Brenngas her. Aber das sind natürlich Dinge, die gehen vielleicht in 20 Jahren. Im Moment ist daran noch nicht zu denken, die Kapazität reicht noch nicht aus. Aber das kommt. Und da werden wir mitgehen.

Kinderreporter
Das Kraftwerk soll auch in Zukunft noch umweltfreundlicher werden

Genius: Haben Sie eine berufliche Vision, einen Traum?

Michael Freudenmann: Für uns Kraftwerkmitarbeiter ist generell die große Vision, dass wir die ganze Produktion hier zu 100 Prozent absichern. Dem sind wir schon ein Stück näher gekommen mit der Gasturbine. Der Bau war natürlich eine sehr besondere Zeit für uns. Mit den ganzen technischen und kaufmännischen Verhandlungen, der Genehmigung und dann dem Bau. Das war echt spannend. Und jetzt sind wir wieder im Normalbetrieb. Was für mich wirklich interessant ist, ist dass wir vielleicht nochmal bauen. Wie gesagt, haben wir eine zweite Gasturbine in Planung. Das ist schon ein Highlight. Das kommt bei uns auch nicht so oft vor, der letzte Neubau war 1992. Für mich ist wichtig, dass man einfach sieht: Hier wird investiert, und wir bewegen uns in eine richtige Richtung. In Richtung Wirtschaftlichkeit, Energie- und Umwelteffizienz.

Genius: Was ist das Schönste an Ihrem Job?

Michael Freudenmann: Das Schönste ist, dass man einfach sehr eigenständig handelt. Wir sind verantwortlich für das, was wir hier machen. Es gibt wenige, die uns reinreden, weil wir natürlich die Fachleute auf dem Gebiet sind. Und ich habe mich ja schon immer für Kraftwerke begeistert, wollte an größerer Technik arbeiten. Deshalb macht mir das auch wirklich Spaß. Unser Bereich ist etwas abgegrenzter, der funktioniert für sich allein. Hier kann man was bewegen.

 

Beitragsbild: Daimler AG
Bilder: Inge Langwieser